Der Amiga
von heute hat nichts mehr mit dem Computer zu tun, den seine Entwickler
sich
erträumten. Wieso scheiterte der Traum?
Der Amiga ist ein amerikanischer Traum. Er entstand aus der Vision
eines Entwicklers vom ultimativen Videospiel und der Idee dreier
Geschäftsleute,
sich im Computerbereich zu engagieren. Er wurde von einer Gruppe Computerbesessener
zum Leben erweckt, war knapp vorm Scheitern, wurde durch viel Glück
und Engagement gerettet. Der Amiga, wie wir ihn heute kennen, hatte eine
schwierige Geburt und viele Väter.
Am Anfang stehen drei Doktoren aus Florida. Sie haben viel Geld
verdient und entschließen sich 1982, ihr Glück mit Computern zu versuchen.
Angeregt durch den Erfolg des Apple II legen sie sieben Millionen Dollar
zusammen, um einen neuen Computer zu entwickeln. Mit dem nötigen Kleingeld
ausgestattet, machen sie sich auf die Suche nach Leuten, die den Wunsch nach
ihrem Computer umsetzen können. Sie stoßen bei Atari auf den begabten
Chip-Entwickler Jay Miner. Zu seinen bekanntesten Schöpfungen gehört
der Grafik-Chip "Antic" im Atari 800XL, bis heute einer der leistungsfähigsten
Video-Chips in einem 8-Bit-Computer.
Jay Miner ist von dem Angebot der drei Geschäftsleute sofort begeistert.
Er träumt schon lange von einem neuen Computer, den er am liebsten unter
eigener Regie entwickeln möchte. Er ergreift die Chance, die Ihm die
drei Geldgeber aus Florida bieten. Unter einer Bedingung: er will keinen
Computer bauen. Ihm schwebte ein Videospiel vor, besser als alle bekannten
Computer. Es soll schnell sein und so gute Grafik besitzen, dass es sich
für den besten Flugsimulator eignet. Flugsimulatoren sind für
Jay Miner der Inbegriff des absoluten Spiels.
Da 1982 leistungsfähige CPUs und RAM-Bausteine noch sehr teuer sind,
entwirft er eine Konsole mit Coprozessoren, die der CPU viel Arbeit abnehmen.
Jeder dieser zusätzlichen Bausteine ist auf eine bestimmte Aufgabe spezialisiert
und erledigt sie schneller als ein Programm. Je leistungsfähiger die
Spezialchips sind, desto weniger muss die CPU erledigen und je mehr sie automatisch
ausführen, desto kürzer könnten Programme sein. Zwei Merkmale
sollen die Coprozessoren von allem Bekannten unterscheiden: unvergleichlicher
Sound und rasend schnelle Grafik mit vielen Farben.
Drei gute Gründe für Joysticks
1982 wird die Aktiengesellschaft "Amiga Incorporated" gegründet.
Amiga Inc. produziert offiziell ausgefallene Joysticks für Heimcomputer.
Das mutet seltsam an, denn schließlich hatte Jay Miner den Auftrag,
ein Videospiel zu produzieren. Es gibt aber drei gute Gründe für
den Umweg. Erstens machte sich Amiga Inc. in der Computer-Szene einen Namen,
der mit Spiel und Unterhaltung verbunden ist. Zweitens bringen die Joysticks
Geld und helfen dadurch mit, den Amiga zu finanzieren. Drittens sind Joysticks
eine gute Tarnung für das eigentliche Ziel. Während Amiga Inc.
nach außen als kleine Joystick-Firma gilt, arbeiten hinter den Mauern
rund ein Dutzend Entwickler, um in aller Stille den gemeinsamen Traum der
ultimativen Spielemaschine zu verwirklichen: dem Videospiel "Amiga".
Zusammen mit dem Marketing-Spezialisten Dave Morse sammelt Jay
Miner eine Truppe junger Entwickler um sich. Zu ihnen gehören Dave Dean, der
den I/O-Chip "Denise" entwickelt und Ron Nicolsen, der am "Blitter" arbeitet.
Für die Software und das Betriebssystem sind zwei junge Programmierer
zuständig: Dale Luck und R.J. Mical.
Obwohl Dale zur Softwaregruppe gehört, beschäftigt er sich viel
mit den Spezialchips. Daher weiß er, welche Hilfen ein Programmierer
von einem Coprozessor braucht. Er schlägt Jay Miner vor, den Blitter
so zu erweitern, dass er nicht nur Speicherbereiche verschieben, sondern
auch schnell Linien ziehen kann. Die Chip-Spezialisten bei Amiga Inc. halten
das einhellig für unmöglich. Schließlich steht das Konzept
schon lange und alle Register des Blitters (die zur Datenübergabe zwischen
Programmen und dem Chip dienen) sind schon belegt. Dale will das nicht glauben
und entdeckt schließlich doch einen Weg - durch Zufall, wie er später
betont - die Line-Funktion zu integrieren, wobei der die vorhandenen Register
verwendet und das Layout des Blitters nur minimal verändert. Die Hardware-Spezialisten
sind erst verblüfft, dann begeistert. So kommt der Blitter zum schnellen
Line-Befehl, was den Prozessor zusätzlich entlastet und die Grafik
enorm beschleunigt.
Zusammen mit Dale Luck arbeitet R.J. Mical an den Grafik-Routinen.
R.J. gehört zu den wenigen im Amiga-Team, die sich mit Spielkonsolen
auskennen. Er arbeitete vorher beim Automatenhersteller Balley, der durch
seine aufwendigen Flipper bekannt ist. R.J. entwirft und programmiert später
die Benutzeroberfläche Intuition für den Amiga.
Jay Miner leitet die Hardware-Abteilung von Amiga Inc. und entwickelt
vor allem den Grafik-Chip "Agnus". Agnus, der den Blitter enthält,
besitzt ähnliche Eigenschaften wie der XL-Chip Antic. Die Ähnlichkeit
zwischen den beiden Bausteinen löste später wilde Spekulationen
aus. Jay Miner soll Atari-Ausrüstung und Atari-Know-How benutzt haben,
um Chips für den Amiga zu entwickeln. Atari verklagt Jay Miner wegen
Copyright-Verletzung. Dazu meint er heute: "Ähnlichkeiten zwischen
den Chips sind natürlich vorhanden. Agnus hat mit dem Antic aber nichts
gemein außer ein paar prinzipielle Ideen, wie er Grafiken verwaltet.
Die sind aber nicht schützenswert. Ich habe darauf geachtet, dass ich
kein Copyright verletze." Die Klage bleibt erfolglos.
Rund zwei Jahre nach dem Start des Projekts kommt es zur ersten
Bewährungsprobe.
Auf der Winter CES um Januar 1984 wird das Videospiel "Amiga" damals
noch unter dem Namen Lorraine hinter verschlossenen Türen Händlern
und Entwicklern vorgestellt. Die Hardware, insbesondere die Spezialchips,
sind allerdings noch nicht fertig. Jay Miner und die Entwickler müssen
tricksen und improvisieren wo es geht. Was auf dem Tisch wie ein fertiger
Amiga aussieht, ist unter dem Tisch ein Gewirr aus Drähten und Platinen.
Die Demo-Programme, darunter der bekannte "Bouncing Ball", begeistern
die Fachleute spontan. Der weiß-rot karierte Ball war übrigens
das erste Amiga-Symbol, bevor der Haken in Regenbogenfarben zum
Markenzeichen wurde.
Es ist für Amiga Inc. ein Spiel mit dem Feuer, den Amiga so früh
zu zeigen. Obwohl er noch nicht fertig ist, muss die Firma an die Öffentlichkeit
gehen, denn das Geld wird knapp. Die Entwicklung hat das ganze
Startkapital verschlungen und die Doktoren aus Florida wollen nicht noch
mehr
Geld in das Projekt stecken; sie scheuen das Risiko und weitere
Verluste.
Das Ende des Amiga scheint gekommen. Doch die Mannschaft um Jay
Miner gibt noch nicht auf. Sie nehmen die Geschicke selbst in die Hand
und Dave
Morse sucht verzweifelt nach neuen Geldquellen. Am Ende bleibt
nur noch die Chance, Amiga Inc. an eine andere Firma zu verkaufen.
Commodore kauft Amiga
Dass schließlich Commodore Amiga Inc. kauft, ist Zufall. Lange bevor
Commodore überhaupt vom Amiga hört, verhandelt Atari mit David
Morse über die Übernahme. Amiga Inc. hatte sich von Atari Geld
geliehen, da Jay dort noch gute Freunde hatte. Es gab angeblich nicht nur
finanzielle Verpflichtungen, sondern auch Verträge, die Atari Rechte
an den Spezialchips sicherten. Als Jack Tramiel Commodore im Streit verließ und
Atari kaufte, sah er im Amiga das ideale Mittel, seinen Feldzug
gegen Commodore zu gewinnen.
Jack Tramiel ist als harter Geschäftsmann und Schlitzohr bekannt.
Er setzt alles daran, den Amiga für so wenig Geld wie möglich
zu bekommen. Er setzt die Amiga-Crew unter Druck, pocht auf die Einhaltung
von Verträgen und droht damit, dass Amiga Inc. das Geld sofort zurückzahlen
müsse, wenn sie nicht mit ihm zusammenarbeiten wollen. Er macht sich
zunutze, dass der Konkurs bei Amiga Inc. praktisch vor der Tür stand.
In den Verhandlungen schraubt er sein Angebot immer weiter herunter: von
anfänglich einem Dollar pro Aktie auf 70 Cent. Der Traum vom eigenen
Computer verwandelte sich in einen Alptraum.
Als die Situation ausweglos erscheint und Tramiel den Amiga schon
in den Händen hat, schaltet sich Commodore in die Verhandlungen ein.
Commodore-Boss Smith hatte gerade erst vom Amiga gehört und bietet
auf Anhieb vier Dollar pro Aktie. Das ist rund fünfmal so viel wie
Atari und Tramiel ist aus dem Rennen. Commodore kauft Amiga Inc. für
27 Millionen Dollar.
"Die unfaire Verhandlungstaktik war Tramiels größter Fehler.
Uns war Atari nicht unsympathisch, aber mit Tramiel wollte keiner
etwas zu tun haben. Er führte sich auf wie der Wilde Mann und trieb uns
förmlich in die Hände von Commodore. Uns erschien damals
alles besser, als für Tramiel zu arbeiten", kommentiert ein
Amiga-Entwickler, der aus verständlichen Gründen nicht namentlich
genannt sein m öchte.
Was bedeutet Guru-Meditation?
Der Begriff "Guru-Meditation" geht auf die Programmierer des Amiga-Betriebssystems
zurück. Amiga Inc. stellte das sogenannte Joyboard her. Es sieht wie ein
breites Skateboard aus und steht auf einem Kugelgelenk. Es arbeitet wie ein Joystick,
wenn man sich zur Seite lehnt. Die Programmierer benutzten das Joyboard zur Entspannung
wenn ein Fehler auftrat. Sie setzten sich wie ein indischer Guru auf das wackelige
Brett und meditierten so lange, bis das Joyboard ruhig und bewegungslos blieb.
In der Zeit konzentrierten sie sich auf das Problem und überlegten, was
passiert sein könnte. Sobald sie entspannt waren, gingen sie locker
wieder ans Programmieren. R.J. Mical wollte sogar ein Spiel schreiben, das
schnelle
Entspannung mit Punkten belohnt. Statt in eine High-Score-Liste sollte man
ins Nirwana kommen. Da jeder Systemabsturz ein Grund zum Meditieren ist,
nannten sie die Fehlermeldung, die einen Absturz anzeigt, Guru-Meditation.
Ein Videospiel wird zum Computer
Damit ist der Amiga in allerletzter Sekunde gerettet. Doch die
ersten dunklen Wolken ziehen schnell auf, denn die Zusammenarbeit
mit Commodore
erweist sich als problematisch. Commodore verlangt als
erstes, dass der Amiga ein "echter Personal Computer" wie der IBM-PC wird. Dieser
Brocken ist für das Amiga-Team schwer zu schlucken.
Mit dieser Forderung trifft Commodore einen wunden Punkt
bei den Entwicklern. Diese sind nämlich in zwei Lager gespalten. Seit feststand,
was der Amiga alles kann, gibt es intern ständig Diskussionen, ob
der Amiga wirklich nur ein Videospiel ist. Es vergeht keine Woche, in der
sie nicht über das Thema "Videospiel oder Computer" diskutieren.
Das erklärt auch, warum das Team um R.J. Mical eine grafische Benutzeroberfläche
entwickelt, obwohl sie für ein Videospiel völlig nutzlos ist.
Der Streit schwelt die ganze Zeit über und die Entwickler drücken
sich die ganze Zeit um die endgültige Entscheidung. Doch als Commodore
jetzt die Entscheidung trifft, ist keiner damit glücklich.
Die Streitereien zwischen den Amiga-Entwicklern in Kalifornien
und Commodore in Philadelphia gehen immer weiter. "Als feststand, dass
der Amiga ein Computer wird, wollte ich unbedingt Slots für Erweiterungskarten
wir bei den PCs. Daraus wurde aber nichts. Die Marketing-Leute kamen mit
dem Gehäuse für den Amiga 1000 und sagten, dass die Platine da
reinpassen müsse. Wenn es nach mir gegangen wäre, hatten wir
gleich einen Amiga 2000 gebaut", erzählt Jay Miner aus
dieser Zeit.
Je näher die Fertigstellung des Amiga kommt, desto gespannter wird
die Atmospäre. Dale Luck: "Wir fühlten uns übergangen,
da Commodore immer mehr beschloss und wir nur noch ausführen
sollten."
Eine verworrene Geschichte umgibt die Wahl des Disketten-Betriebssystems.
Es war nie vorgesehen, denn ein Videospiel arbeitet mit
Modulen. Also gibt es kein DOS, als Commodore den Amiga
zum PC machen
will. Amiga Inc. schließt
daher mit einer unabhängigen Firma einen Vertrag, die ein eigenes
Amiga-Betriebssystem schreiben soll, das Multi-Tasking beherrscht. Doch
die Zeit vergeht, und das DOS wird nicht fertig. Die Programmierer haben
angeblich Probleme mit dem Copyright für einige Routinen und lassen
im Spätsommer 1984 das Abkommen platzen. Es bleibt also schwer:
die Hardware funktioniert, die Software nicht. Der Amiga
steht weiterhin ohne
DOS da.
Commodore erkennt die verfahrene Situation und engagiere
Metacomco. Die kleine Firma aus dem britischen Bristol
besitzt ein fertiges
DOS, das leicht auf jeden Computer mit einer MC68000 CPU
umzusetzen ist: "Tripos".
Ohne bei Amiga Inc. nachzufragen, beschließt Commodore, dass
Tripos das AmigaDOS wird. Tripos-Entwickler Tim King braucht nur sechs
Wochen,
um sein Betriebssystem auf den Amiga umzusetzen. Commodore präsentiert
den Amiga-Entwicklern die fertige Umsetzung, während diese noch
darüber
grübeln, woher sie ein funktionstüchtiges DOS bekommen könnten.
Das Amiga-Team reagiert anders als von Commodore erwartet: sie
lehnen Tripos rundweg ab. Sie halten es für störanfällig,
zu langsam und noch nicht ausgereift. Außerdem erscheint
es ihnen schwierig, die bestehende Software an Tripos anzupassen.
Doch Commodore lässt die Einwände nicht gelten und setzt sich
durch. Die Verträge mit Metacomco sind geschlossen, und da ein anderes
DOS nicht in Sicht ist, wird es genommen. Commodore drängt darauf,
den Amiga so schnell wie möglich fertigzubekommen. Denn von Atari
wird gemunkelt, dass sie einen ähnlichen Computer wie
den Amiga herausbringen wollen. Seine Hauptmerkmale:
MC 68000 als CPU,
viel Speicher, sehr billig
und ein Blitter wie im Amiga.
Die Furcht, dass Atari schneller sein könnte, ändert den Zeitplan
rapide. Der Amiga muss spätestens Mitte 1985 fertig sein, da Atari
auf der CES im Januar tatsächlich den Atari ST gezeigt hat. R.J. Mical
und Dale Luck programmieren nun Tag und Nacht, um das Betriebssystem fertig
zu bekommen. Ihre gesamte Software, wie Intuition und die Grafikroutinen,
müssen an Tripos angepasst werden. Das erweist sich, wie erwartet,
als schwierig. Beide Programmteile sind nicht so konzipiert, dass die problemlos
zusammenarbeiten. So entsteht in langen Nächten ein Software-Interface
zwischen den Programmen, das sich zum Sorgenkind auswächst. Es dauert
länger als ein Jahr, bis es 1986 endlich weitgehend fehlerfrei läuft.
Wegen der Anpassungsprobleme muss beim Amiga 1000 das
Betriebssystem, Kickstart, noch extra geladen werden.
Commodore war sich
bewusst, dass die ersten
ausgelieferten Versionen noch nicht das letzte Wort
sind. Erst Kickstart 1.2 ist so ausgereift, dass sie auf
ROM
in den neuen Amigas fest eingebaut
wird.
Die Arbeitswut der Programmierer bringt Commodore auf
einen ungewöhnlichen
Gedanken. Als der Amiga fast fertig ist, beschließt
Projektleiter Clive Smith von Commodore in Westchester,
dass alle Entwickler vier Tage
frei bekommen. In diesem Zwangsurlaub sollen sie ausspannen
und danach frisch erholt die letzten Fehler beseitigen.
Um sicherzustellen, dass niemand
heimlich arbeitet, stehen zwei Wächter vor der Tür.
R.J. Mical hatte aber dummerweise die Schlüssel für
sein Motorrad im Büro
vergessen. Er ging also zum Amiga-Gebäude und wurde
prompt von den Wachen gestoppt. Sie ließen ihn erst
nach Rücksprache
mit Westchester hinein.
Wer
sind die "Dancing Fools" ?
Mit den "Dancing
Fools" ist das gesamte Amiga-Programmier-Team gemeint. Geprägt
haben den Begriff Dale Luck und R.J. Mical. Immer wenn die Zeit sehr
knapp war, haben die beiden jeden Tag bis spät in die Nacht programmiert,
Wochenende und Feiertage eingeschlossen. Oft kamen sie nicht mal zum
Schlafen. Die Programmier-Orgien dauerten bis zu 56 Stunden am Stück.
Sie standen dann vor den Computern, um nicht einzuschlafen. Als das eines
Abends nichts mehr nützte, stellten sie die Musik sehr laut und
tanzten, um wachzubleiben. Als die anderen Programmierer am Morgen zur
Arbeit kamen, wurden sie von dröhnender Rockmusik begrüßt.
Im Gebäude fanden sie zwei wild umherspringende Programmierer. Das
brachte dem Team den Namen "Dancing Fools" (Tanzende Irre)
ein. Mit dieser Bezeichnung sind sie auch im Betriebssystem verewigt.
Zwangsurlaub mit Hindernissen
"Fünf Minuten nachdem ich mit Clive gesprochen hatte, rief er wieder
an und fragte die Wachen, ob ich auch wieder gegangen
war. Mein Schreibtisch war aber ein totales Chaos und ich konnte den Schlüssel
nicht so schnell finden. Mir saßen die Wachen im Nacken, die aufpassen
mussten, dass ich nicht heimlich arbeite", berichtet R.J. lachend.
Am 25.7.85 ist es endlich soweit: Der Amiga wird
in New York offiziell vorgestellt. Das erste serienreife
Gerät wurde aber erst einen Tag
vor der Präsentation fertig. Als dieser Amiga zusammengebaut und geprüft
ist, packen die Entwickler ihn in eine Kiste und fliegen mit ihm sofort
nach New York, wo man verzweifelt auf ein Vorführgerät wartet.
Die Amiga-Crew ist so besorgt, dass ihr einziger Amiga beim Transport beschädigt
werden könnte, dass sie sich weigern, ihn mit dem normalen Gepäck
abzugeben. Sie kaufen statt dessen ein weiteres Ticket und setzen das Paket
auf den leeren Platz. Da jeder Sitzplatz einen Namen benötigt der
auch auf dem Flugticket erscheinen muß, nennen Sie den Platz für
das Paket einfach "Joe Pillow". Sie sind alle gut gelaunt und
euphorisch. Aus dieser Stimmung heraus malen sie ein Gesicht auf den Karton
und behandeln das Paket wie einen guten Freund. Sie bestellen für
ihren Amiga sogar Getränke und Essen, und genießen das verblüffte
Gesicht der Stewardess. Drei Jahre lang haben sie
auf diesen Tag hingearbeitet. Ihr Traum wird wahr.
Einer blieb zu Hause: Jay Miner. Er kümmerte sich lieber um seinen
Hund Mitchie, der das Fliegen nicht verträgt.
Mitchie ist anerkanntes Amiga-Mitglied und durfte
wie alle Mitglieder auf der Innenseite des Amiga
1000 unterschreiben.
Das Amiga-Team
hat es sich nicht nehmen lassen, Ihren Computer
wie ein Kunstwerk zu signieren.
Während die anderen Entwickler bei der Präsentation im Rampenlicht
standen, gerät Jay Miner langsam in Vergessenheit. Er hatte damals
schon innerlich mit dem Amiga gebrochen. Das in New York vorgestellte Gerät
ist nicht der Computer, den er vor drei Jahren bauen wollte. Er nennt den
Amiga 1000 unumwunden veraltet, da die verbesserten Grafik-Chips, die er
noch entwickelt hatte, nicht mehr verwendet wurden. Außerdem hat
der Amiga 1000 mit 256 KByte für seinen Geschmack zu wenig Speicher
und den HAM-Modus, der 4096 Farben erlaubt, bezeichnet er als "überflüssiges Überbleibsel
aus einer Zeit, als RAM-Bausteine noch teuer waren."
Die Kritik des Amiga-Vaters verhallt ungehört und wie im Januar
1984 erntet der Amiga in New York viel Lob. Die riesige Feier mit
Presse und
Prominenz wird ein voller Erfolg, da der Amiga
Fähigkeiten besitzt,
von denen die Computerwelt noch nicht einmal zu
träumen
wagte.
Woher
kommt der Name "Amiga"?
"Amiga" ist spanisch und bedeutet "Freundin". Jay Miner und
David Morse waren 1982 auf der Suche nach einem Firmennamen. Sie blätterten
in Büchern und Lexika, um einen schönen Namen zu finden. Bei "A" wie "Amiga" blieben
sie hängen und der Name stand fest.
Schwieriger Anfang
Doch obwohl der Amiga von allen Seiten mit Begeisterung
aufgenommen wird, verläuft für Commodore das erste Jahr nicht sehr gut. Schuld
daran sind mehrere Faktoren. Ale erstes ist das Betriebssystem nicht fehlerfrei.
Viele Softwarehäuser warten auf eine fehlerfreie Version, bevor sie
mit der Entwicklung von Amiga-Programmen beginnen. Zweitens entbehren Preis
und Zielgruppe, die Commodore vorschweben, jeglicher Grundlage. Commodore
sieht im Amiga eine Mischung aus Macintosh und IBM-PC und will ihn als
Personal Computer in Büros stellen. Dementsprechend hoch liegt der
Einführungspreis: knapp 7000 Mark in Deutschland.
Doch niemand, der diesen Preis bezahlen kann,
kann sich den Amiga als Alternative
zum PC
vorstellen, da die Programme fehlen.
Neben den eklatanten Fehlern bei der Markteinführung gibt es
ein noch schwerwiegenderes Problem. Commodore ist in großen
finanziellen Schwierigkeiten. Nach einigen erfolglosen Projekten steht
die Firma seinerseits vor dem
Bankrott. Die Verluste gehen in die Millionen und die Gerüchte
um ein drohenden Konkurs-Verfahren reißen nicht ab. Wegen der
angespannten Lage fehlt Commodore das Geld, um den Amiga-Verkauf weltweit
mit Anzeigen
und Veranstaltungen zu unterstützen. Außerdem will in Amerika
niemand den Computer einer Firma kaufen, von der er nicht weiß,
ob sie morgen noch existiert.
Commodore
senkt den Preis auf knapp 5000 Mark, was aber noch immer zu hoch
ist. Dadurch behält
der Amiga 1000 das Image des Traumcomputers, den
sich niemand
leisten
kann.
Das Rennen bei den Freaks macht derweil der Atari
ST. Er erscheint zwar ohne den vorgesehenen Blitter
und wie der
Amiga mit Betriebssystem
auf Diskette, ist aber wesentlich billiger. Mitte
1986 scheint der Amiga wie 1984 am Ende zu sein.
Die Wende zum Besseren kommt erst 1987. Commodore
stellt im Januar den preiswerten Amiga 500 im
klassischen Heimcomputer-Look, sowie
den erweiterbaren Amiga 2000 vor. Die zwei Amigas
werden
endlich
beiden Zielgruppen gerecht:
dem Hobbyisten, der einen preiswerten und leistungsfähigen Computer
will, und dem Büroanwender, der MS-DOS-Kompatibilität braucht.
Auf der Strecke bleibt nicht nur der Amiga 1000. Auch das alte Amiga-Team
ist an den neuen Amigas nicht mehr beteiligt. Der Amiga 500 wird in Westchester,
der Amiga 2000 in Braunschweig entwickelt. Die ursprünglichen
Entwickler haben mittlerweile Commodore verlassen
und arbeiten an anderen Projekten.
Obwohl sie nichts mehr mit dem Amiga zu tun haben,
treffen sie sich noch immer in der FAUG, der First
Amiga User
Group. Der Club ist das einzige,
was von ihrem Traum geblieben ist.
Was denken die Entwickler heute über ihren Amiga? R.J. Mical sieht
es von der heiteren Seite. "Der Amiga ist ein toller Computer, doch
niemand kann so viel Spaß mit ihm haben, wie wir bei der Entwicklung".
R.J. programmiert und entwickelt jetzt für Epyx.
Dale Luck beschäftigt sich noch immer mit dem Amiga. Im Januar 1988
arbeitet er an einem verbesserten Betriebssystem. Der Amiga soll künftig
von einer Festplatte booten können und auch andere Benutzeroberflächen
als Intuition unterstützen. Eines spürt man bei jedem Satz von
Dale Luck: Er liebt seinen Computer. "Der Amiga ist der faszinierendste
Computer, den man im Augenblick kaufen kann. Die Freaks lernen langsam,
was alles in ihm steckt. Ich glaube, dass die Programmierer noch in fünf
Jahren neue Sachen entdecken werden, die man mit dem Amiga machen kann."
Am kritischsten bleibt Jay Miner: "Der Amiga ist genaugenommen schon
veraltet. Wäre alles so gelaufen wie wir wollten, wäre er der
beste Computer aller Zeiten. Doch was man jetzt als Amiga kaufen kann,
ist nicht das Beste was man bekommen könnte. Wir hatten bessere Grafik-Chips
fertig, doch Commodore wollte den Amiga verkaufen, bevor er wirklich fertig
war. Ich bin weiterhin stolz auf den Amiga. Lieben kann ich ihn aber nicht mehr."
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